Caritasverband der Erzdiözese
München und Freising e.V.
Caritas - Nah. Am Nächsten.

Geprüft und empfohlen
Eltern, Angehörige, soziales Umfeld

Eltern eines essgestörten Menschen sein - wie geht das?Eltern fühlen sich oft hilflos, wenn sie Essstörungen bei ihren Kindern beobachten, besonders wenn diese mit ihnen noch unter einem Dach leben. Sie machen sich Sorgen um das betroffene Kind, auch wenn es vielleicht schon erwachsen ist. Sie haben das Gefühl, an der Essstörung schuld zu sein und bei einer elementaren Elternaufgabe versagt zu haben. Sie bemühen sich, mit dem Kind, das die Essstörung verbergen und tabuisieren will, ins Gespräch zu kommen. Für Eltern erscheint die Situation manchmal fast ausweglos. Ebenso wie die Essstörung das Leben der/des Betroffenen prägt, gerät auch das Zusammenleben der Familie in Gefahr, sich nur noch um die Essstörung zu drehen. Eigene Bedürfnisse der Partner, Wünsche der Geschwister oder Interessen und Außenkontakte der Familie oder Einzelner kommen zu kurz oder geraten im Extremfall völlig in Vergessenheit. Eltern sind in der Gefahr, zu Co-Abhängigen zu werden.


Wie kann es anders gehen?

  • Sich Hilfe holen, auch wenn die Tochter, der Sohn nicht mitmacht 
  • Sich einer Familiengruppe anschließen, denn das Problem betrifft die ganze Familie 
  • Es entlastet, wenn die Eltern ihr eigenes Leben leben 
  • Die langen Diskussionen oder Streitereien um das Essen bringen überhaupt nichts 
  • Wir müssen akzeptieren, dass wir ihr Leben nicht leben können, sondern dass es ihr eigenes Abenteuer ist 
  • Wenn man möchte, dass sich etwas verändert, muss man sich selbst verändern 
  • Die Eltern sind nicht schuld 
  • Man sollte die Tochter nicht nur als essgestört betrachten, sondern zuhören, gemeinsame Interessen und Spaß haben, ohne Essensauftrag 
  • Die Eltern sollten nicht verzweifeln und dürfen weder sich noch die Geschwister vernachlässigen 
  • Eltern dürfen nicht ständig ermahnen und sich für das Kind aufopfern. Sie sollen nicht die Unselbständigkeit fördern und nicht versuchen, die Verantwortung zu übernehmen 
  • Eltern sollen sich nicht der Hoffnung nach einer schnellen Lösung hingeben und nicht versuchen, dem Kind von seiner Krankheit schnell weg zu helfen. 
  • Mit Essen und Trinken nerven und die Tochter gängeln, führt zu nichts. 
Hier sind die Erfahrungen betroffener Eltern zusammengefasst, deren Kinder sich in den unterschiedlichsten Stadien der Bewältigung einer Essstörung befinden. Als Gemeinsamkeit erkennbar ist aus all diesen Erfahrungen, dass

  • eine Essstörung kein schnell zu regelnder Zwischenfall ist 
  • eine Essstörung keine hoffnungslose Angelegenheit ist 
  • Kommunikation und Gespräche verschiedenster Art wichtig sind, wenn in einer Familie eine Essstörung aufgetreten ist 
  • Aufopferung der Eltern und der übrigen Familie schadet 
  • es ohne Hilfe von außen nicht geht.  
Freunde/Freundinnnen, Partner/innen und Angehörige - was können Sie tun?

Ob man Essgestörten ihr Leiden auf den ersten Blick ansieht, hängt von der Art der Erkrankung ab. Menschen mit einer Magersucht können ihre Krankheit irgendwann nicht mehr verbergen: bekommen sie anfangs Komplimente für die disziplinierte Gewichtsabnahme, so schlagen diese bald in Sorge um die bedrohliche Magerkeit um. Ebenso geht es denjenigen, die aufgrund einer Binge-Eating-Störung oder einer sonstigen Essstörung stark zunehmen, die dafür allerdings keine Komplimente zu hören bekommen. Bulimiker/innen dagegen fallen optisch nicht auf und sind aufgrund ihrer Gefühle von Scham und Schuld Meister/innen des Verbergens ihrer Essstörung.

Das soziale Umfeld lebt oft Jahre lang mit der/dem Betroffenen zusammen, ohne etwas zu bemerken. Dass die Bulimie eine heimliche und verborgene Sache ist, trägt mit bei zum längeren Krankheitsverlauf im Vergleich zu anderen Essstörungen. Freunde/Freundinnen, Partner/innen oder Angehörige eines essgestörten Menschen haben auch dann, wenn sie beginnen, sich Gedanken über das Essverhalten des/der Betroffenen zu machen, eine große Hemmschwelle, diese/n darauf anzusprechen. Wenn die essgestörte Person - aus welchem Grund auch immer - ihre Krankheit offen gelegt hat, stellen viele 'Mit'-Betroffene einer Essstörung fest, dass sich ihre Beobachtungen und Eindrücke zusammenfügen wie ein Puzzle-Spiel, dessen Gesamtbild sie bisher noch nicht kannten.

Freunde/Freundinnen, Partner/inner und Angehörige, die jemanden auf eine mögliche Essstörung ansprechen wollen, sollten

  • vorher überprüfen, ob sie die geeignetste Person dafür sind oder ob eine andere nahe stehende Person eine besseres Vertrauensverhältnis hat und deshalb ein solches Gespräch Erfolg versprechender führen kann 
  • geplant und gezielt vorgehen: das bedeutet, sich vorher zu überlegen, was man sagen will, einen geeigneten Gesprächszeitpunkt suchen und eine angenehme Gesprächsatmosphäre schaffen 
  • akzeptieren, wenn die essgestörte Person nicht über das Problem sprechen will, jedoch gleichzeitig verdeutlichen, dass das Gesprächsangebot bestehen bleibt 
  • im Gespräch ruhig bleiben und nicht nachbohren, jedoch bei ihrer Wahrnehmung und ihrem Standpunkt bleiben, wenn die betroffene Person das Problem abstreitet 
Unser Beratungsangebot umfasst auch Freunde/Freundinnen, Partner/innen und Angehörige. In einem Gespräch mit Fachleuten können die Beobachtungen, Gedanken und Sorgen bearbeitet werden und ein klärendes Gespräch mit der betroffenen Person vorbereitet werden.




Drucken